Gedanken zum Fediverse, Teil vier: Frust

Soziale Netzwerke sind super, regelrecht toll, wenn man sie denn richtig nutzt. Soziale Netzwerke bieten quasi unendliche Möglichkeiten, wenn man sie richtig nutzt. Soziale Netzwerke ermöglichen vieles, Menschen zu finden, Interessen aufrechtzuerhalten, sich weiterzubilden, die Zeit tot zu schlagen. Um diese Wortwiederholung noch einmal zu bringen: Das alles geht, wenn man soziale Netzwerke richtig nutzt.

Soziale Netzwerke können aber auch schnell zum Spiegel einer Gesellschaft werden, die immer hässlicher zu werden scheint. In sozialen Netzwerken können die Schwächen und Stärken der heutigen Formen des Zusammenlebens von Menschen beobachtet, nachvollzogen und aktiv mitverfolgt werden.

Wer Social Media nutzt, kann Teil einer wie auch immer gefärbten oder geformten Netzgemeinde sein, die sich mal gegenseitig liebt, mal gegenseitig hasst. Die mal mehr, mal weniger miteinander, manchmal auch gegeneinander zu tun hat.

In sozialen Netzwerken bilden sich allgemeine Tendenzen des Diskurses ab, im Word Wide Web kommt heute zusammen, was sich vor wenigen Dekaden nie gekannt, vielleicht bekriegt hätte: Menschen.

Und doch fragt man sich, nein ich darf nicht verallgemeinern: Ich frage mich (so ist das besser) unweigerlich, ob soziale Netzwerke nur Vorteile bieten. Wie oben bereits oft genug erwähnt und beängstigend oft wiederholt kommt es immer auf die Nutzung der entsprechenden Seiten an, eine Plattform hängt immer ab von ihrer Nutzerschaft.

Spätestens seit ein paar Wochen scheinen einige ihr Verhalten im sozialen Internet neu zu denken, Elon Musk hat mit seinem Twitterkauf ein Fass zum überlaufen gebracht, um das sich erschreckend viele scheinbar nicht geschert haben, als es sich mehr und mehr füllte.

Momentan wird das Fediverse förmlich überrannt – und das möchte ich hier ausdrücklich positiv konnotieren, obwohl das ein negativ behafteter Begriff ist.

Ja, das Fediverse wird überrannt. Mittlerweile kann ich nicht mehr guten Gewissens sagen, das Neulinge das Fediverse mit einem vorsichtigen #neuhier entdecken. Mittlerweile kann ich nur noch zuschauen, wie eine schiere Masse an Twitternutzerinnen und -nutzern das Fediverse zu ihrer neuen digitalen Heimat machen.

Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden, auch wenn es mir ziemlich egal ist, ob das hier irgendjemand in den falschen Hals bekommt. Am liebsten wäre mir, würde das hier gar niemand lesen, jeder seine eigenen Gedanken zum Thema finden und sich dann, das ist besonders wichtig, daran erinnern das er oder sie nicht allein ist!

Am liebsten würde ich ein Maß an Offenheit voraussetzen mit dem das freie und offene Fediverse erlebt werden kann. Aber vielleicht wäre das mal wieder zu naiv:

Anstatt das Fediverse als dezentrales System der sozialen Verbindungen zu begreifen, stürmen die Twitterwechsler, die ich mit offenen Armen willkommen heißen möchte, zu einem beachtlich großen Teil lieber mastodon.social und machen sich, anstatt sich ersteinmal vorzustellen, lieber als erstes Gedanken über ihre Blockliste von Twitter.

Soziale Netzwerke sind verschieden, Mastodon ist kein Drop-in-Replacement für Twitter, und ich kann mir nur wünschen, dass es sich mit der Zeit nicht dazu entwickelt. Ich kann nur hoffen, dass die Twitter-Neulinge ein Teil des Fediverse werden und nicht das Fediverse zu einem billigen Twitterabklatsch ohne Multimilliadär an der Spitze.

In der letzten Zeit habe ich über Friendica einen Beitrag abgesetzt, der vor allem als ein Akt der Verzweiflung zu sehen ist: Warum muss ich, als jemand der sich keinesfalls mit sozialen Netzwerken auskennt, der das Fediverse als erstes soziales Netzwerk begreift, mit dem er wirklich interagiert, anderen eine Plattform verzweifelt vorstellen:

Mein Beitrag handelte nicht ohne Grund davon, dass Neulinge von Twitter ihre scheinbar kollektiv vorhandene und sicherlich nicht zu verallgemeinernde Block-Mentalität ablegen sollten.

Was ist ein soziales Netzwerk, wenn alle „schon bekannten Nasen, die ich auf Twitter geblockt habe“ auf Mastodon und Geschwisterportalen genauso geblockt werden? Eine digitale Wüste!

Das Fediverse bietet, und das ist der ironische Witz an der ganzen Problematik, an der Situation, aus der glaube ich nur ich ein übergroßes Dilemma mache, noch mehr Optionen Leute wegzublocken: Hier kann man sogar ganze Instanzen blocken.

Das wird auch gemacht: Als gab aufgekommen ist, haben es alle sozialen Instanzen kollektiv deföderiert, heute wird man auf Mastodon keine gab-Nutzer, hier brauche ich vielleicht nicht zu gendern, vor die Nase gesetzt bekommen.

Wenn Leute, die von Twitter kommen, sich darüber beschweren, dass Leute von ihrer anscheinend heiß geliebten Blockliste ebenfalls in das Fediverse gewechselt sind, dann ist das für mich ein schlichtweg irrsinniger mentaler Kurzschluss:

Wenn Leute, die eine Person auf Twitter blockiert hat, ebenfalls zu einer dezentralen Alternative wechseln, dann haben sie doch schon eine Sache mit der blockenden Person gemeinsam. Vielleicht sollte man nicht von Anfang an davon ausgehen, dass eine Person sich über Zeit nicht verändert, dass eine Person, die es auf Twitter zu blocken galt, im Fediverse genau die selbe ist.

Grundsätzlich wäre es doch viel sinnvoller, entsprechend der einzelnen Beiträge zu reagieren: Wie wäre es, statt mit einem sofortigen Block, im schlimmsten Fall basierend auf einem Nutzernamen, mit einem kritischen Kommentar.

Statt zu blocken, kann man doch auch argumentieren oder? Wie wäre es, bei dummen Inhalten einen Kommentar zu schreiben und den Hashtag #bittestreiten zu benutzen. Das ist das erste was mir beim Schreiben dieses Textes dazu eingefallen ist, das Prinzip ist jedenfalls das gleiche:

Warum nicht Öffentlichkeit schaffen bei einer Position, der man nicht zustimmen kann?

Sicher, wenn jemand eine andere Person auf persönlicher Ebene diskreditiert, kann ich den Hang zum Blockieren durchaus nachvollziehen – in eineinhalb Jahren Fediverse-Nutzung ist mir aber noch keine Person begegnet, die ich hätte blocken wollen.

Natürlich streite ich mich mal im Fediverse mit anderen, das macht aber Sinn, da es dann um Argumente geht. Wenn ich Beiträge schreibe, dann schreibe ich nicht über mich, dementsprechend eher über Themen.

Wenn eine Person in einer digitalen Diskussion, die sich ganz eindeutig auf ein bestimmtes, sachliches Thema bezieht, unsachlich gegen Personen agiert, ist es klar, dass diejenigen, die beleidigt werden damit reagieren, jemanden zu blockieren. An dieser Stelle möchte ich nur eine öffentliche Frage aufwerfen: Wann war das zuletzt wirklich nötig? Wann war es zuletzt unvermeidbar, ein Profil permanent aus dem persönlichen Sichtfeld zu verbannen, egal ob sich diese Person mit der Zeit wandelt?

PS: Nachdem ich hier mal wieder einigen Frust heruntergeschrieben habe möchte ich mal erklären, wie ich mit Profilen umgehe, die ich nicht in meinem Feed sehen möchte:

Sollte es sich um meinen persönlichen Feed handeln ist die Lage klar, dann brauche ich Leuten, die zu Sachen schreiben, die mich nicht interessieren, schlichtweg nicht zu folgen. Vielleicht ist das aber, für Menschen, die von den proprietären, Vorschlags-Algorithmus-basierten Netzwerken ins Fediverse wechseln, nicht sofort klar – das kann und will ich gerne nachvollziehen.

Für diejenigen, die sich gern im lokalen oder globalen Feed umschauen, bieten die einige Fediverse-Dienste die Möglichkeit, Profile einfach zu ignorieren, sprich nicht anzuzeigen. Dabei ergibt sich ein großer Vorteil: Wer ein Profil ignoriert, verurteilt nicht die Person dahinter, egal ob er will oder muss.

Wer einen Account ignoriert weiß, was ihn interessiert und was nicht. Man muss sich meiner Ansicht nach nicht unbedingt alle Inhalte zu den neuesten Entwicklungen im Fußball anschauen, wenn man sich gar nicht dafür begeistern kann.

Diese Form der Ignoranz scheint mir eine der nettesten überhaupt zu sein.