Gedanken zum Fediverse, Teil 1

Nachdem ich mich heute auf Mastodon (@fabianschaar@mastodon.social) schon ziemlich dazu ausgelassen habe, möchte ich dem Thema hier nochmal einen ausführlicheren Eintrag widmen.

Mikroblogging ist die vielleicht beliebteste Form des Bloggings, immerhin ist quasi jeder Twitter-Nutzer ein Mikroblogger. Kleine (und große) Texte schreiben kann jeder, eine schnelle Nachricht in die Welt senden ist auf Twitter so einfach wie nie. Jeder kann auf Twitter und ähnlichen Plattformen gehört werden – zumindest wenn er oder sie gute Argumente hat. Das sollte man meinen. Doch gerade was die Aufmerksamkeitsökonomie angeht, haben Mikrobloggingdienste wie Twitter ein ziemlich großes Problem: Auf 240 Zeichen passen keine Argumente, erst recht keine begründeten. Auf 240 Zeichen passt nur Geschrei, wenn es hoch kommt eine Stammtischparole, die so viel Inhalt hat, wie die Bierdeckel, die dort rumliegen.

Twitter ist schlicht und ergreifend ungeeignet zum Diskutieren. Auf Twitter findet keine Debatte statt, und alle die das Gegenteil behaupten sollten vielleicht mal mitzählen, an wie vielen Shitstorms sie in der Woche teilnehmen. Ein Shitstorm scheint zugleich der höchste Ausdruck an Wut und zugleich die höchste Form der Debatte auf Twitter zu sein. In den Tweets und Threads ist es so eng, dass es auch keinen Spaß macht, dort zu Pseudobloggen – zumindest ist das meine Erfahrung, die ich gesammelt habe, als ich vor der Muskokalypse noch auf der Plattform, die einen Vogel hat, war.

Im Nachhinein bin ich, selbst wenn Musk die Plattform (noch) nicht gekauft hat froh, sie verlassen zu haben. Ich bin froh, nicht mehr Teil eines proprietären Dienstes zu sein, der Daten sammelt und sinnloses Geschrei über einen unangenehmen Algorithmus in meinen Feed und die Trends spült. Das muss nicht sein, wenn es Plattformen wie Mastodon, plume und das Fediverse ganz im Allgemeinen gibt.

Natürlich ist auch das Fediverse nicht frei von den Problemen, die Twitter und Facebook mit sich bringen und mit sich ziehen. Zum Beispiel sind auch die durchschnittlichen 500 Zeichen auf Mastodon sind nicht wirklich ausreichend – und doch sind sie ein Schritt in die richtige Richtung. Nicht zuletzt sind Plattformen ohne Großkonzerne und Populismusalgorithmen denen mit immer einen, wenn nicht hunderte von Schritten voraus.

Das Fediverse bietet die Chance, soziale Medien tatsächlich für soziale Dinge zu nutzen. Damit meine ich, das es an den Nutzer:innen von Mastodon und Konsorten liegt, die Plattformen nicht verkommen zu lassen, zu Orten, an denen wie auf Twitter auch rechte Hetze, Aufmerksamkeitshascherei und Pseudoaktivismus vorherrschen.

Ich verstehe nicht, wie sich über die Zeit ein derartig gravierendes Missverständnis herausbilden konnte, dass das toxische Umfeld auf Twitter und die selbstdarstellerischen Narzissten auf Instagram und nicht zuletzt die Ewiggestrigen auf Facebook zu einem Synonym für “soziale Netzwerke” werden konnte – obwohl diese Dienste, die ihre angeblichen Nutzer zu Produkten für ihre eigentlichen Kunden aus der Werbeindustrie machen nichts mit diesem wichtigen Adjektiv zu tun haben.

Die Bildkultur und das Mikroblogging sind vermutlich nur Symptome für dieses Dilemma: Wer Facebook sozial nennt, hat den Schuss nicht gehört. Wer Mikroblogging als Teil der Blogosphäre sieht, muss sich auf eine Diskussion mit mir einstellen, die eben nicht auf knapp 250 ZmL passt.

Blogging ist natürlich eine persönliche Sache, die alle so definieren können sollten, wie sie das denn wollen. Genau das ist ja auch wichtig, um die Vielfalt der Blogosphäre sicherzustellen. Die Frage ist nur, ob sich das ganze nicht vielleicht doch auf einen gewissen Punkt herunterbrechen lassen sollte:

Das Wort “Blog” ist ein Kofferwort aus Web und Log. So weit, so gut. Ein Mikroblog hat aber weder etwas mit dem einen, noch mit dem anderen zu tun.

Wenn ich über ein Logbuch nachdenke, stelle ich mir einen Seefahrer vor, der über seine Seefahrten Protokoll führt um zu dokumentieren, was eben später auch mal wichtig sein könnte. Sollte das nicht auch noch Jahre später zugänglich sein? Wäre es nicht besser, wenn das was wichtig ist, in dem Kontext, in dem es wichtig ist, archiviert wird und nicht ohne Kontext in einer Timeline versauert??

Wäre es nicht sinnvoll, wenn etwas, das ein Kernbestandteil des sowohl heutigen als auch vergangenen Webs ist beziehungsweise war, darin zu finden ist und nicht von einer großen Firma kontrolliert wird, die die Textschnipsel nach belieben in einem übergroßen Zettelkasten verwalten und somit auch löschen kann?

Wollen wir die Blogosphäre lieber selbst in der Hand haben und über das Fediverse zumindest einen Teil der nötigen Kontrolle erlangen oder wollen wir Twitter mit Musk und Facebook mit Zuckerberg vertrauen. Anders gesagt: wollen wir Firmen vertrauen, denen wir eigentlich nicht vertrauen sollten?

Das Fediverse ist an allen wichtigen Enden offen, kann mit einander interagieren und trotzdem privat sein, wenn es privat sein muss, nämlich genau dann, wenn es um Nutzer:innen-Daten geht.

Noch viel wichtiger: Das Fediverse ist an allen Enden, allen Verbindungsstücken und Knotenpunkten frei, die AGPL ist die scheinbar verbreitetste Fediverse-Lizenz und stellt sicher, das genau das eben auch frei bleibt.

Die Geschichte des Fediverse ist geprägt von Servern die neu aufgesetzt wurden und Servern, die von der Bildfläche verschwunden sind, und trotzdem ist es immer noch da: Weil es möglich ist. Weil der Code frei ist.

Gerade in Zeiten des Web 2.0 ist es meiner Meinung nach wichtig, das öffentliche Kontrolle dieses Raumes mit gesellschaftspolitischer Bedeutung gegeben ist – und die kann nur über freie Software gegeben sein.

Ich bin wirklich froh, dass es das Fediverse gibt. Für Leute, die lieber vom Schreibtisch aus aktiv werden, die es vorziehen sich Dinge erstmal zu überlegen, bevor sie sie rausposaunen, ist das wichtig.

Dabei ist es übrigens auch nicht entscheidend, ob man sofort in Massen gehört wird. Mir zumindest geht es beim Blogging auch darum, die eigenen Gedanken in einen Text zu bringen: Das ordnet, stärkt die Argumente. Und genau diese sollten doch gerade heute so entscheidend wichtig sein, nicht wahr?

Hier kann nichts für die SEO “optimiert” werden, wie es bei anderen Diensten Gang und Gäbe ist. Ich möchte auch gar nichts für die SEO optimieren! Lieber werde ich nicht gefunden und gebe meine Argumente in einer direkte Diskussion weiter, als dass ich sie in eine Form quetsche, mit der ich mich nicht wohlfühle. Politische Diskussionen sollten nicht dem Kommerz dienen, sondern der Debatte selbst.

Ist es eigentlich sinnvoll, bei verschiedenen Teilen des Fediverse Profile anzulegen? Ich weiß es nicht, vermute es aber. Hier kann ich so lange schreiben, wie ich es für richtig halte, auf Mastodon kann ich das genauso wenig wie auf Twitter. Hier kann ich dafür nicht in der Form mit Leuten in Kontakt kommen, wie das auf Mastodon vielleicht möglich wäre. Und auf Mastodon kann ich keine Podcasts und Videos teilen, wie es auf PeerTube möglich ist.

All diese Fediverse-Teile haben ihre Daseinsberechtigung. Davon aber übrigens viel mehr als proprietäre “Angebote” wie Facebook oder Twitter. Bevor ich vom Fediverse gehört habe, habe ich Tumblr immer dafür bewundert, wie gut verschiedene Medienformate auf einer Plattform gebündelt verteilt werden können. Seit ich vom Fediverse gehört habe, bin ich von der Idee überzeugt, gerade weil ich die Prinzipien freier Software derartig gut finde.

Früher war ich auf Instagram und Twitter. Ich habe beide Accounts gelöscht. Und ich finde, das war eine wirklich, wirklich gute Entscheidung. Wer gegen das Fediverse argumentiert, weil da ja so wenige Leute sind, der sollte sich vielleicht doch einmal fragen, warum er auf Twitter, Instagram, Facebook sein möchte, mit denen, die dort ihre Shitstorms fahren, schlechte Memes und Werbepostings hochladen. Das Fediverse würde natürlich leer bleiben, wenn diese Leute sich stur dagegenstellen. Aber Stand heute ist es das keineswegs: Im Fediverse trifft man immer wieder interessante Leute und das in einer Umgebung, die ich auch als soziales Netzwerk anerkennen kann.